Historie

Der Bau der Marienschule in Merklinde

Es fällt schwer zu begründen, warum für die nicht so dicht besiedelten Bauerschaften Merklinde und Bövinghausen schon 1870 eine katholische Schule errichtet wurde. Die Einwohnerzählung 1871 ergab für Merklinde nur insgesamt 333 Einwohner und größere Ortschaften in der Umgebung werden neidvoll auf den Neubau der Schule für Merklinde-Bövinghausen geblickt haben.

Die Schulkinder gingen in alter Zeit in die Castroper Kirchspielschule bzw. wurden sie – bedingt durch die Bevölkerungsentwicklung – ab 1861 wegen Überfüllung der Schule in Castrop zum Unterricht auch in Frohlinde eingeschult, denn die Gemeinde Frohlinde hatte bereits 1861 ihren eigenen Schulverband gebildet. Als Übergangslösung wurde dann 1871 für Merklinde und Bövinghausen eine einklassige Schule im damaligen Klostermannschen Hause eingerichtet, bevor 1872 die Gemeinde Merklinde in Verbindung mit der Gemeinde Bövinghausen den eigenen Schulverband bildete. Die überfüllten Schulen in Castrop und der Weg nach Frohlinde werden letztlich wohl den Ausschlag zum Bau einer eigenen Schule in Merklinde gegeben haben. In der Zeit der Reichsgründung wurde der erste Teil der Marienschule durch die Pfarrei St. Lambertus gebaut und 1872 vollendet der jetzt noch als linker Flügel unseres alten Schulpalastes erhalten ist, ist in der Chronik der Kirchengemeinde Merklinde, die Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen wurde, nachzulesen, und war der Stolz der Schulbehörde. Bauzeichnungen konnten bis jetzt noch nicht gefunden werden, allerdings wird das Baujahr 1872 in mehreren Dokumenten erwähnt.

Überliefert ist als erster Lehrer der Schule Herr Braekling, der bei den Bürgern hohes Ansehen genoss und am 26.06.1873 seine Tätigkeit an der Schule aufnahm. Lehrer Braekling und sein Nachfolger Hauptlehrer Voß, der spätere Rektor der Schule, machten es durch ihre Aktivitäten auch möglich, dass sich Anfang des 20. Jh. in Merklinde eine eigene katholische Gemeinde bildete. Zur Zeit des Kirchenbaues an der Johannesstraße, die ihren Namen dem unermüdlich für Kirchengemeinde und Schule tätigen Herrn Johannes Voß verdankt (vorher: Schulstrasse) hätten es die Schulkinder gerne gesehen, wenn der Bau der Kirche mehr Zeit in Anspruch genommen hätte. Aus diesen Monaten ist nämlich überliefert, dass die Kinder ein feines Leben gehabt hätten, da Hauptlehrer Voß in erster Linie mit dem Kirchenbau und nicht mit seinem Lehramt beschäftigt war. Es sei kein Backstein auf das Mauerwerk gekommen, den er nicht erst besehen hätte, ist der Gemeindechronik weiter zu entnehmen. Die Folge war ein verspäteter Schulbeginn oder im besten Falle sogar ein schulfreier Tag, da der Hautlehrer außeramtlich verhindert war. Sicherlich wird sich das Bild auch beim Schulanbau wiederholt haben.

Lehrer Voß war es auch, der sich tatkräftig für den Bau weiterer Schulräume einsetzte. Bereits am 07.02.1905 bot Herr Vierhaus ein Grundstück als Bauplatz an, ein Ankauf erfolgte jedoch erst 1907 und am 15.04.1907 wurde die Schulgemeinde als Eigentümer des Bauplatzes in das Grundbuch eingetragen.

Die Schule wird durch einen Anbau vergrößert

Die Planung für den Erweiterungsbau nahm ab 1906 Formen an wobei das Vorhaben insbesondere mit der Überfüllung der Schule begründet wurde (4 Klassen in 3 Räumen). Am 24.09.1906 fasste die Schulgemeinde den Baubeschluss durch die Herren Büssermann, Vierhaus, Teves, Ohmann, Voß und Dechant Keweloh. Die Projektausarbeitung des vierklassigen Anbaues wurde dem Architekten Pöggeler in Castrop übertragen, der am 26.09.1906 den Auftrag annahm und bereits am 1.10.1906 vier Entwürfe vorlegte. Am 29.10.1906 wurde der Neubau entsprechend dem Entwurf Nr. 4 beschlossen. Es folgte der Auftrag an Pöggeler zur Durchführung und mit dem Erläuterungsbericht vom 15.12.1906 des Amtmanns Wehren als Vorsitzender des Schulvorstandes und Architekt Pöggeler als Bauleiter wurde das Projekt den Behörden zur Entscheidung vorgelegt. Die Schulgemeinde Merklinde Bövinghausen war ab Dezember 1906 unablässig mit der Maßnahme betraut. Vom 30.01.1907 bis zum 08.03.1907 durchlief das Projekt Landratsamt, Kreisbauinspektion und Kreisarzt sowie die Gelsenkirchener Bergwerks AG, wegen der Berücksichtigung der evtl. auftretenden Bergschäden in der Zukunft. Am 28.05.1907 genehmigte die königliche Regierung in Arnsberg den Schulanbau und nach der Ausschreibung am 15.06.1907 in den örtlichen Tageszeitungen wurden die Bauarbeiten am 28.06.1907 vergeben.

Zur Baureifmachung des Grundstückes mussten zunächst die neben dem alten Schulgebäude liegenden Gärten entschädigt werden. Ein Garten wurde von Lehrer Rettler bestellt, und im Zuge der Entschädigung des Aufwuchses kam es zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten. Lehrer Rettler bestand darauf, dass ihm der Garten im Zusammenhang mit seiner Anstellung mündlich zugesagt gewesen sei und hatte dafür auch den Schulleiter als Zeugen. Das Amt Rauxel aber verweigerte einen angemessenen Ausgleich und regulierte nur die angelegten Erdbeerbeete. Die Folge war, dass man gegenseitig recht kühl reagierte und die Schulbehörde durch das Amt aufgefordert wurde, Lehrer Rettler zur Mäßigung anzuhalten. Am Schluss beließ Lehrer Rettler es bei dem bescheidenen Angebot von 10,00 Mark als Entschädigung um Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen schrieb Rettler an den Schulvorstand. Ganz sauber schien die Angelegenheit übrigens nicht abgewickelt zu sein, denn Rettler bemerkte in der Angelegenheit im Dezember 1907, dass man ohne eine Information von dem Garten Besitz ergriffen und mit den Ausschachtungen begonnen hätte.

Weiter war vor Beginn der Arbeiten der Abbruch des alten Abortgebäudes der Schule notwendig. Diese Arbeiten wurden vom Baugeschäft Th. Hermann aus Castrop ausgeführt. Die Firma machte das günstigste Angebot und rechnete die auszubauenden Bauteile wie Treppen, Türen, Fenster usw. gegen die zu zahlende Auftragssumme ab.

Kaum war mit den Arbeiten begonnen worden, hatten die Schulkinder die Baugrube und Materiallager als ihren Abenteuerspielplatz entdeckt. Das führte natürlich zu Problemen an der Baustelle und Hauptlehrer Voß hatte seine liebe Mühe und Not, die Kinder zur Ordnung zu rufen und von der Baustelle abzuhalten.

Recht zügig gingen in der Folgezeit die Arbeiten voran und trotz kurzfristiger Streiks der Bauarbeiter erfolgte am 18.12.1908 die Bauabnahme des Schulgebäudes durch den königlichen Baurat Claren. Amtmann Georg von Wehren, Amtsbaumeister Köster und Architekt Pöggeler vertraten den Bauherrn und das Amt Rauxel.

Nach der Entscheidung für den Bau einer Schule stiegen auch die Ansprüche an die Qualität des Baues. So ist es nicht verwunderlich, dass die erste Kostenschätzung von 20.000,00 Mark bei der Endabrechnung gewaltig übertroffen wurde. Rund 100.000,00 Mark waren zum Schluss für Baukosten und Einrichtungen in das Bauwerk investiert worden. Dazu gehörte u.a. die fortschrittliche Einstellung der Schulgemeinde bei der Einschätzung der Sonneneinwirkung auf die Klassenräume. Für sämtliche Fenster wurden Sonnenschutzvorhänge angeschafft und auch die Klassenräume im alten Baukörper wurden mit diesen Annehmlichkeiten ausgestattet. Lieferant war 1909 der Sattler und Polsterer Carl Eckhardt, Castrop.

Der Schulbetrieb entwickelte sich mit der Zahl der Einwohner und erst zum Schuljahresbeginn am 01.04.1933 wurde wegen einer geringeren Schülerzahl eine Klasse geschlossen. Sechs Lehrpersonen unterrichteten um diese Zeit die 7 Klassen der Marienschule.

Die politischen Verhältnisse führten dazu, dass 1939 die Marienschule mit der evangelischen Harkortschule zu einer Gesamtschule unter neuem Namen vereinigt wurde. Ernst Moritz Arndtschule, im Volksmund Max und Moritz-Schule stand nun in großen Lettern über dem Portal.

In den ersten Kriegsjahren konnte der Unterricht noch ziemlich regelmäßig erteilt werden bis ab Frühjahr 1943 durch die täglichen Einflüge der Bomber nach Dortmund oder Bochum der Unterricht unterbrochen werden musste. Ab August 1943 wurden die Schulkinder mit den Lehrern und vielen Müttern nach Pommern, in die Nähe von Pyritz evakuiert. Die äußerst primitive Unterbringung veranlasste viele Mütter, mit ihren Kindern wieder nach Merklinde zurückzukehren. Im Herbst 1944 wurden auch wieder Lehrer vom damaligen Oberbürgermeister Dr. Anton zurückbeordert, um die in der Heimat verbliebenen Schüler zu betreuen. Es fand aber kein Unterricht statt, auf dem Stundenplan stand Sport, Singen und Sammeln u.a. von Kartoffelkäfern. Nachdem die Lehrer doch ab und zu Unterricht gegeben hatten und dies der Verwaltung zu Ohren kam, wurde die Betreuung der Kinder der Hitlerjugend übertragen.

Das Schulgebäude hatte die Kriegstage bis Februar 1945 ohne Schäden überstanden, daher wurden in dieser Zeit Flüchtlingsgruppen in den Schulräumen untergebracht, die bei Luftalarm den schon Ende der 30-er Jahre errichteten Luftschutzraum aufsuchen mussten. Relikte dieser Zeit hatten die Jahrzehnte überdauert und konnten bei Räumung des Kellers im Mai 2002 wieder sichtbar gemacht werden. Erst im April 1945 wurde durch Artilleriebeschuss der Amerikaner das Dach, der Zeichensaal und ein Klassenzimmer beschädigt. Nach heftigen Kämpfen besetzten am 08.04.1945 die Amerikaner Merklinde und ab Mai 1945 ordnete die Besatzungsbehörde die Säuberung und Reinigung der Schule durch die Bürger an. Die Gebäudeschäden wurden beseitigt und ab dem 01.10.1945 konnte der Unterricht mit 3 entnazifizierten Lehrern als Gemeinschaftsschule mit 191 Kindern wieder aufgenommen werden. Bereits drei Monate später zählte die Schule 332 Kinder mit 5 Lehrerpersonen und um diese Zeit wurde auch die Schulspeisung eingeführt. Eine erste Schulreform bewirkte die Elternabstimmung im Mai 1946, die dazu führte, dass im Juni 1946 die Schule zwischen der kath. Marienschule der ev. Harkortschule und der Gemeinschaftsschule Ernst Moritz Arndt Schule aufgeteilt wurde. Nach kurzer Unterbrechung hatte ein Teil des Gebäudes seinen alten Namen wieder.

Die restlichen Kriegsschäden wurden bis 1950 beseitigt, die Klosettanlagen erneuert und mit Wasserspülung versehen und 1957 wurde die Außenwand der Marienschule ausgebessert und neu gestrichen. Die neue Heizungsanlage wurde 1956 installiert, die Klosettanlage modernisiert und im Keller wurde die alte Badeeinrichtung ersetzt. Im Juli 1959 schließlich erhielt der Schulhof einen Asphaltbelag und die Lichtleitungen im Gebäude wurden erneuert. Ende 1960 wurde nach fast 90 Jahren die Dienstwohnung des Rektors geräumt und in 2 Klassenzimmer umgebaut. Die Schülerzahl war inzwischen so angewachsen, dass 1962 der Schichtunterricht eingeführt werden musste. Mit dem Bau der Harkortschule an der Wittener Straße verbesserten sich die Verhältnisse enorm. Im September 1962 wurde die neue Schule bezogen und der Schichtunterricht konnte daher beendet werden.

Der Rat der Stadt Castrop-Rauxel erließ 1968 eine Rechtsverordnung, auf Grund dessen alle Schulen Gemeinschaftsschulen werden sollten. Bekenntnisschulen mussten mehrheitlich von den Eltern gewählt werden. Die Wahlen in Merklinde verliefen ergebnislos, daher wurde die Marienschule mit Wirkung zum 01.08.1968 in eine Grundschule / Gemeinschaftsschule an der Johannesstraße umgewidmet. Zu Beginn des Schuljahres 1991/92 zieht die Grundschule in die Räume der Schillerschule an der Wittener Straße. In den Herbstferien 1994 / 95 wird die Sanierung des Schulhofes in einer Gemeinschaftsaktion der Stadt, der Zivildienstes, sowie einiger Eltern und Lehrer durchgeführt. Heute steht den Kindern die neu erbaute Harkortschule zur Verfügung.

Die Zukunft des Gebäudes
Der Verein zur Erhaltung der Marienschule hat sich als Träger für die zukünftige Nutzung gebildet. Dem Träger war von Anfang an bewusst: Das Gebäude ist erhaltenswert; es ist ein Teil der Stadtgeschichte, kann aus der Vergangenheit viel erzählen und hält für die Zukunft vieles bereit.

Heute strahlt das Gebäude wieder in altem Glanz. Der alte Schulhof ist saniert und in dem Bürgerzentrum und den Bereichen der Nutzer pulsiert neues Leben. Wie immer, so sind auch hier noch Restarbeiten zu bewältigen aber Bürgerverein und Nutzer sind voller Hoffnung, dass es wie begonnen zügig weitergehen wird und die Marienschule zu einem Zentrum der Merklinder Bevölkerung werden wird.